Schneckenhaus

18. April 2012 um 12:20 Uhr

Schneckenhaus

Wenn an kalten Frühlingstagen die Puppenspieler losziehen
aus ihrem Balsamkleid wie Dornen aus den Rosen schlüpfen
wenn die zarten Vogelstimmen durch den Wind getragen uns ereilen
mit Botschaften aus einer dieser anderen Welten
dann ist auch der große Tag der Schnecken
in deren Häusern sich die kleinsten Seelen scheu verstecken
aus Furcht vor dem alten Winter den sie nie bestellten
vor den ersten Sonnenstrahlen noch hinter den Fenstern zu verweilen
ergeben ihre Tränen die ersten Frühjahrspfützen
vor denen die Schatten des Waldes vorsichtig fliehen

Wenn am frühen Morgen einsam ein paar Tropfen
aus den schweren Wolken ins grüne Tal hernieder fallen
gerade dann wenn die Raupen ihre Geschichte ablegen
und die kalten Winde sich ein Stück weit aus dem Wald hinaus wagen
versuchen Grashalme diese kleinen Tropfen zu fangen
von dort wo wir alle einmal hingelangen
wir alle gehen fort an uns noch unbekannten Tagen
drei goldene Groschen sind des Fährmannes Segen
wenn die traurigen Bettler von der Freiheit lallen
und betrunken an die Schneckenhausfenster klopfen

Wenn die Schatten wärmer werden und sich häuten
ihre glitzernden Schuppen in den alten Brunnen werfen
die Waldgeister an den Blumenhalmen herauf klettern
um die Schmetterlinge aus ihrem Nachtschlaf zu befreien
wir Schritt für Schritt mit drei Augen im Leben stehen
bevor wir uns in den dunklen Verließen wiedersehen
als Sklaven der Unterwelt in ihren trostlosen Reihen
dahinschreiten während die Schatten das Buch des Todes durchblättern
das Salz in unseren Wunden mit Lethes trübem Wasser schärfen
an Orten wo sich wie es heißt die Seelen wiederkäuten

Wenn sie für den Frühling frieren im Winterkleid
Dornen der schwarzen Rose in ihrem Geigenkasten sammeln
so werden sie auch ihre Bilder zu Staub zersetzen
sie verbrennen ihre Flügel noch vor dem Sonnenuntergang
und verschließen alle Türen und Pforten bevor sie wiederkehren
ganz sanft schmiegen sie sich an dich denn sie können sich nicht wehren
schwach und erschrocken schleichen sie am fremden Ufer stumm entlang
ihr Leben hängt wie ein zerschlissenes Segel in vielen Fetzen
dort wo die freien Kinder ihre Lieder singen werden sie nur stammeln
von den traurigen Tiefen im Traumland der Eiszeit

Und so schweigen sie ins Nichts ein ganzes Leben lang
haben Pläne die sie nicht verkaufen können
selbst der Nachtmahr schmeißt keinen Kreuzer ins Weihwasser
wir taufen die dunklen Träume mit dem Scharm eines Clowns
folgen ihnen hinab in dieses Eismeerbett
finden Schlaf wo keiner mehr wächst
mit kalten Rosen im Schnabel des Grauens
bleiben wir die rastlosen Verfasser
kannst dir diese Rätsel nicht vergönnen
Insektenfreiheit für der Bettelgötter Nachtgesang

Kommen wir dennoch manches Mal an der anderen Seite entlang
wo fliegende Schnecken graue Rabenblumen gießen
der Sandmann auf dem Grashüpfer durch das Dickicht schlüpft
und uns die Waldmännlein und Kräuterweiblein freundlich grüßen
wenn wir auf Weberknechten durch die Insektengassen ziehen
wie Tautropfen die sanft von spitzen Farnblättern fliehen
so liegt uns hier und heute jede Welt zu Füssen
könnten wir sehen durch welche Pforten sie verknüpft
und durch welche Ebenen sie ständig ineinander fließen
zurück zu den Quellen an denen alle Wege begannen

Kategorie Lyrik | Kommentare (0)
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